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Hans-Jürgen Hübner:

Montréal, Metropole Québecs

Version 1.552 (27. November 2014), in der Wikipedia findet sich
die enzyklopädiegerechte Fassung zur Stadt

Montreal ist mit etwa 1.650.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Kanadas und die mit Abstand größte Stadt der Provinz Québec. Im Großraum leben etwa 3,7 Millionen Menschen. Die Stadt umfasst eine Fläche von 365,13 km² und liegt auf einer Insel im Sankt-Lorenz-Strom. Die bedeutende Hafenstadt liegt 450 km vom Atlantik entfernt.

Blick auf Montreal vom Parc Jean-Drapeau

Zusammen mit ihrem Ballungsgebiet stellt sie die zweitgrößte französischsprachige Stadt der Welt dar, obwohl der Anteil der englischsprachigen Einwohner etwa bei 28 % liegt. Montreal ist zusammen mit Toronto das Handels-, Industrie- und Wirtschaftszentrum des östlichen Kanada. Die Besiedlungsgeschichte reicht mindestens bis 2000 v. Chr. zurück, die europäische Besiedlung begann 1642. 1701 fand hier die Unterzeichnung eines Friedensvertrags zwischen fast 40 Indianernationen in Anwesenheit von 1300 Delegierten statt. Der Pelzhandel konzentrierte sich hier bereits in französischer Zeit, und mit der North West Company entstand in der 1760 beginnenden britischen Phase der ökonomische Aufstieg. Die transkontinentalen Eisenbahnbauten fanden in Montréal eines ihrer Zentren, und auch die Kanäle sorgten dafür, dass die Stadt zum Wirtschaftszentrum Ostkanadas aufstieg, zeitweise zur Hauptstadt der britischen Kolonie. Die Industrialisierung brachte neue Einwanderergruppen in die Stadt, die lange die größte Stadt Kanadas war, bis es von Toronto als Metropole hierin abgelöst wurde.

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Inhalt

Geographie

Montreal liegt im südwestlichen Teil der Provinz Québec. Das Stadtgebiet liegt vollständig auf der Île de Montréal im Hochelaga-Archipel, am Zusammenfluss von Ottawa und Sankt-Lorenz-Strom. Das Stadtbild wird vom Mont Royal beherrscht.

Geschichte

Herkunft des Namens

Der Name „Montreal“ leitet sich vom Namen des Mont Royal („königlicher Berg“) ab, dem 233 m1 hohen Berg im Norden der Stadt.

Frühgeschichte

Die frühesten Hinweise auf die Anwesenheit von Menschen auf dem Gebiet der heutigen Provinz Québec sind rund zehn Jahrtausende alt. Bereits um 5000 v. Chr. lassen sich die Schwerpunkte der kulturellen Entwicklung an den Großen Seen und am Sankt-Lorenz-Strom fassen (Proto-Laurentian). Daraus entwickelte sich eine weiträumige Regionalkultur, die als Middle Great Lakes-St. Lawrence-Kultur bezeichnet wird. Auf Inseln im Ottawa finden sich Spuren von Kupferverarbeitung im Laurentian Archaic. Hier entstanden Pfeilspitzen, Nadeln und Ahlen, Flöten und Beile aus Kupfer. Außerdem fanden sich mehr als 60 Grabstätten. Die älteste stammt aus der Zeit um 3300 v. Chr. Die ältesten Spuren auf dem Gebiet von Montréal stammen aus der Zeit um 2000 v. Chr.

Zwischen 1000 v. und 500 n. Chr. spricht man von der Woodland-Periode, die durch Tongefäße und den Gebrauch von Pfeil und Bogen gekennzeichnet ist. Der spätestens um 4000 v. Chr. einsetzende Anbau von Kürbissen prägte zunehmend die Kultur und ermöglichte eine sesshaftere Lebensweise. Auf diese agrarischen Kulturen gehen wohl die Irokesen und die mit ihnen sprachlich verwandten Gruppen zurück.

Im Gebiet der Stadt Montréal gab es im Jahr 2010 125 archäologische Fundstätten2, für die das Bureau du patrimoine verantwortlich ist. Die Forschungsergebnisse werden im Patrimoine archéologique de Montréal publiziert, hinzu kommt eine Bibliographie, in der via Internet recherchiert werden kann.3 Die frühen Bewohner erkannten die Vorzüge der Insellage an den großen Handelswegen, aber auch die Möglichkeiten für Jagd und Fischerei. Im Stadtteil Lachine fanden sich 2009 an der Fundstelle LeBer-LeMoyne rund 32.000 Artefakte, die auf zwei Siedlungsphasen hinweisen, deren ältere von etwa 500 bis 1200 dauerte, die jüngere setzte um 1200 bzw. 1350 ein.4 Die ältesten Spuren stammen aus der Zeit zwischen 1000 und 400 v. Chr.5

Die Irokesen begannen um 1000 verstärkt, von Gartenwirtschaft zu leben, vor allem von Kürbis, Mais und Bohnen. Die Erbauer der befestigen Dörfer, von denen einige über tausend Einwohner hatten, bevorzugten erhöhte Standorte. Die Droulers site, ein Dorf über 7 km vom Lac Saint-François, westlich von Montréal, war dabei um 1350 mit einer Fläche von 1,2 ha das bisher größte bekannte Dorf. Man schätzt, dass der dortige Hügel rund 7 Millionen Artefakte birgt. In der Region sind inzwischen über 300 Fundstätten bekannt. Die Dörfer waren umgeben von Feldern und von Palisaden geschützt. Auf der Place Royale in Montreal fand man Artefakte, die sich in die Jahre 1300 bis 1550 datieren ließen.

Der erste Europäer, der auf die Île de Montréal gelangte, war 1535 der Franzose Jacques Cartier. Er traf ein Dorf namens Hochelaga an, das von Sankt-Lorenz-Irokesen bewohnt war. Deren Dörfer waren von Palisaden umgeben und bestanden aus Langhäusern. Einige von ihnen beherbergten mehr als tausend Einwohner. Die Irokesen waren sesshaft und lebten überwiegend vom Anbau von Mais, Bohnen und Kürbissen, die sie gegen Pelze, Felle und Fleisch bei den benachbarten Jägervölkern eintauschten. Frauen üben bis heute großen politischen Einfluss aus. Die Langhäuser bestanden aus einem Skelett aus Baumstämmen, die Bedachung aus Birkenrinde, die in Schindeln aufgelegt war. Cartier gab dem sich in unmittelbarer Nähe des Dorfes erhebenden Berg den Namen Mont Réal, königlicher Berg.

Die Dörfer waren, als Samuel de Champlains die Region 1603 aufsuchte, aus nicht festzustellenden Gründen verschwunden. Er fuhr bis zu den Lachine-Schnellen. Wichtigste Verbündete der Franzosen waren ab 1609 die Huronen, die offenbar die Irokesen in diesem Raum verdrängt hatten, oder die in von ihnen verlassene Gebiete gezogen waren. 1611 wählte Champlain, der die strategische und handelspolitisch große Bedeutung der Insel an der Einmündung des Ottawa in den Sankt-Lorenz-Strom erkannte, die Stelle für einen Handelsposten aus. Auf einer Karte von 1613 erscheint erstmals der Namen Montréal. 1634 gründete Champlain einen zweiten Handelsposten beim späteren Trois-Rivières. Samuel de Champlain, der erste Generalgouverneur Neufrankreichs, hatte erkannt, dass man neben den beiden Handelsposten Tadoussac und Québec weitere, mehr im Landesinneren gelegene strategische Knotenpunkte benötigte. Ziel war zum einen, einen besser gelegenen Umschlagplatz für den bedeutender werdenden Pelzhandel zu schaffen, den Fallensteller und Händler flussaufwärts bei den Großen Seen betrieben. Bis zu diesem Zeitpunkt waren der Weiterverkauf und die Verschiffung der Pelze nach Europa an der weit entfernten Mündung des Sankt Lorenz in den Atlantik abgewickelt worden. Zum anderen fehlte eine Basis für die Inbesitznahme der landeinwärts gelegenen Gebiete.

Die Gründung der Siedlung Ville-Marie am 17. Mai 1642

Der Name des Marché Jean-Talon erinnert an den bedeutenden Intendant des 17. Jahrhunderts.

Den entscheidenden Anstoß zur Gründung Montréals gab jedoch weder Pelzhandel, noch militärstrategische Überlegungen oder gar Entdeckungseifer. Um 1630 entstand eine Bewegung, die sich die Missionierung der Amerikaner zum Ziel setzte. 1640 entstand unter Führung von Jérôme Le Royer, sieur de La Dauversière und Jean-Jacques Olier de Verneuil Société de Notre-Dame de Montréal pour la conversion des sauvages de la Nouvelle-France (Gesellschaft unserer Frau zu Montreal für die Bekehrung der Wilden von Neufrankreich). Sie erwarb die Seigneurie am Zusammenfluss von Ottawa und Sankt-Lorenz-Strom. Diese Grundherrschaft bestand von 1636 bis 1859 und umfasste die gesamte Île de Montréal, eine Insel von fast 500 km² Fläche. Die neue Siedlung wurde am 17. Mai 1642 unter der Führung von Paul Chomedey, Sieur de Maisonneuve, gegründet. Unter Leitung von Louis d'Ailleboust de Coulonges entstand eine Festung, an der späteren Pointe-à-Callière, dem Ausgangspunkt der Stadt. Die Kolonie erhielt den Namen Ville-Marie, benannt nach der Mutter Jesu. Der zu diesem Zeitpunkt einflussreiche Bischof von Québec hatte darauf gedrängt, man möge mit der Neugründung ein streng nach katholisch-religiösen Grundsätzen gestaltetes Siedlungsprojekt ins Leben rufen. Den ersten Winter verbrachten rund 50 Kolonisten auf der Insel, darunter nur wenige Frauen.

The History of Montreal Through
Archeology

Zunächst versuchte man, die umwohnenden Irokesen dazu zu überreden, in der Nähe der Siedlung zu leben, doch diese fürchteten, dass ihr im Aufbau befindliches Monopol an den beiden Flüssen durch die Kolonie zerstört würde. 1646 bis 1653 kam es zum offenen Krieg mit den Irokesen, die Kolonisten konnten ihre Festung kaum verlassen, an Landwirtschaft oder gar Mission war nicht zu denken. Nur durch die sogenannte Grande Recrue gelang es 1653 rund hundert neue Kolonisten zu rekrutieren und damit die Zahl der Kolonisten zu verdreifachen. 1654 fanden sich erstmals Angehörige der Ottawa in der Siedlung ein und handelten mit den Franzosen. 1653 bis 1659 gelang es der Société de Notre-Dame 200 Siedler herbeizuschaffen. Zudem kamen Priester des Séminaire de Saint-Sulpice de Paris auf die Insel.

Marguerite Bourgeoys gründete 1658 eine erste Schule, 1659 die Congrégation de Notre-Dame de Montréal. Die Société de Notre-Dame stattete die Schule mit Gütern aus, um ihre Finanzierung zu sichern. 1660 hatte die Kolonie 407 Einwohner, die meisten Häuser standen an der Rue Saint-Paul. Am 9. März 1663 übernahm der Sulpizianer de Bretonvilliers die Insel von der Compagnie Notre-Dame de Montréal, de Maisonneuve blieb allerdings ihr Gouverneur. Eine grundherrliche Mühle wurde errichtet, die Weizen verarbeitete, von dem sich die Franzosen überwiegend ernährten. Das Land wurde in lange Landstreifen aufgeteilt, so dass jeder Zugang zum Sankt-Lorenz oder zu einem der ihm zufließenden Bäche hatte. Ein Teil der Bedeutung der Kolonie bestand im Pelzhandel, ein anderer darin, dass sie Ausgangspunkt zahlreicher Entdeckungs- und Handelsfahrten wurde. Der Pelzhandel machte Männer wie Charles Le Moyne und Jacques Le Ber wohlhabend. Die soziale Differenzierung war zunächst einfach. Habitants, Bauern, Handwerker, Händler und einige Adlige bildeten die Führungsgruppe, dann kamen Handwerker und Bedienstete, die bei der Société de Notre-Dame unter Vertrag standen. Bis 1663, als die Krone die Leitung übernahm, genoss die Kolonie ein hohes Maß an Autonomie. Zugleich ging die Seigneurie der Insel an das Séminaire de Saint-Sulpice de Paris über. Bei der ersten Belagerung durch Irokesen im Jahr 1663 standen Maisonneuve 140 Bewaffnete unter Leitung von Zacharie Dupuis zur Verfügung. Maisonneuve wurde jedoch 1665 überraschend abberufen, königliche Truppen griffen gegen die Irokesen ein. Die Gründungsphase war damit beendet.

1681 begann die Regierung Lizenzen für den Pelzhandel an die Voyageurs auszugeben, doch mussten diese angesichts einbrechender Pelztierbestände immer weiter ausschwärmen. Dies brachte sie bis an den oberen Mississippi und in die kanadischen Prärien. Intern entspann sich eine intensive Konkurrenz zwischen den Händlern, den Kolonialbeamten in der Hauptstadt Québec und den Forts, die bald den halben Kontinent überzogen. 1685 entstand ein neuer Palisadenring, 1689 griffen Irokesen Lachine an, 1690 La Prairie.

1688 wurde auf königlichen Befehl eine Anstalt ins Leben gerufen, die für die Unterbringung der Armen und für ein Ende der Bettelei sorgen sollte. Bedürftige Witwen sollten darüber hinaus Geld und Weizen bekommen, die Älteren Schuhe. Zum Unterhalt sollten Almosen gesammelt werden. 1692 gründeten die Brüder Charon ein Hospiz, das sie Hopital général nannten. Es wurde 1747 von den Barmherzigen Schwestern, die auch als Graue Schwestern bezeichnet wurden, übernommen. Sie gehen auf Marie-Marguérite Dufrost de la Jemmerais (1701-71) zurück, die den Orden 1737 gründete und die Direktorin des Hospizes wurde. Heute nennen sie sich Sœurs de la Charité de Montréal. Als 1755 eine Pockenepidemie wütete, wurde das Hospiz erstmals zu einem Hospital.

Bis zum Frieden von Montreal vom 4. August 1701 wurde die Siedlung häufig durch Irokesen angegriffen und stand mehrmals kurz vor ihrer völligen Zerstörung. Der Friedensschluss bot die Gelegenheit, aus dem riesigen Gebiet, das Frankreich zwischen dem Golf von Mexiko und Kanada beanspruchte, einen zusammenhängenden Wirtschaftsraum zu machen. Einer der Exponenten dieser Politik war Pierre Le Moyne d’Iberville, der Sohn des Händlers Charles Le Moyne. Zwischen 1686 und 1697 war er an mehreren Militäreinsätzen gegen die Engländer beteiligt, wie etwa an der Hudson Bay, bei New York, in Acadia und auf Neufundland. 1699 gründete er Louisiana und errichtete dort ein erstes Fort. 1687 bis 1689 entstand ein neuer Palisadenring um die Stadt, der 1717 bis 1738 durch eine steinerne Befestigungsanlage ersetzt wurde.

Montréal, das inzwischen rund 1.200 Einwohner hatte, empfing vom 21. Juli bis zum 7. August 1701 Delegationen zahlreicher Stämme aus ganz Nordamerika. Es waren rund 1300 Gesandte von 39 Nationen in der Stadt. Bereits im Vorjahr war mit den Onondaga verhandelt worden, ein Vorfrieden war zustande gekommen. Eigentlicher Baumeister des Friedens war Kondiaronk (ca. 1649-1701), ein führender Kopf der Huron-Petun. Als er kurz nach Friedensschluss verstarb, nahmen fast alle in Montreal Anwesenden an dem Begräbnis teil. Er sprach noch am 23. Juli 1701 im Namen aller unterhandelnden Nationen. Daneben war Outoutagan, der Häuptling der Sable-Odawa, von großer Bedeutung, der am 25. Juli für die vier Ottawa-Nationen und die Ojibwa sprach, am 2. August für zehn Nationen, am 6. August sogar für alle westlichen Nationen. Der dritte große Redner war Onanguicé, der die Potawatomi, die Sauk und die meisten Illinois-Nationen vertrat, und der gleichfalls am 6. August für alle Nationen des Westens sprach.

Der Pelzhandel und die britische Kolonialherrschaft ab 1760

Montreal 1725
Stadtplan von Montréal, Gaspard-Joseph Chaussegros de Léry, Papier, 52*74 cm, 1725, Aix-en-Provence, Centre des Archives d'Outre-mer

Montreal lag für den Pelzhandel an einem strategisch günstigen Ort, weil es zwischen zwei Flüssen lag, die vom Atlantik tief ins Landesinnere reichten. So wurde der Ort bald die Hauptstadt des Pelzhandels. Die Agrarorganisation basierte auf rund 30 Siedlungsgruppen rund um die Stadt. Ein dünnes Netz, beginnend mit Straßen parallel zum Sankt-Lorenz entstand, wie etwa um die Rue Saint-Paul und die Rue Notre-Dame. Erste Vorstädte außerhalb der Festung entstanden ab etwa 1730, wobei die meisten Häuser aus Holz bestanden. Nur wenige konnten sich Steinhäuser leisten, die mehr Schutz vor Feuer boten. Um 1754 war Montreal eine Stadt von 4000 Einwohnern. Nachdem jedoch Québec 1759 von den Briten erobert worden war, ergab sich Montreal 1760 kampflos. Der französische Adel ging zurück nach Paris, Englisch wurde die Verkehrssprache und die Schotten übernahmen den Pelzhandel.

Die französischen Händler erhielten keine Handelslizenzen mehr, und es fehlte an Kapital, so dass sie zunehmend von schottischen Händlern verdrängt wurden. Erst 1774 wurde durch den Quebec Act Sprache und Konfession der Franzosen anerkannt. Damit wurde die Katholische Kirche zu einem Schlüsselelement der kulturellen Kontinuität. Die meisten Handwerker, fast ausnahmslos Franzosen, lebten in den Vorstädten, den Faubourgs, die 1792 eingemeindet wurden.

Mit der Gründung der North West Company (NWC) im Jahr 1776 durch wohlhabende schottische Kaufleute erlebte der Pelzhandel seinen Höhepunkt. Jedoch hatte die NWC die Hudson’s Bay Company als Konkurrentin im Norden. In den Wäldern führten die beiden Gesellschaften einen Krieg um indianische Zwischenhändler. Um 1810 besaß die North West Company zwischen Atlantik und Pazifik eine durchgehende Kette von Handelsposten, die von Indianern beliefert wurden. 1821 wurden die Hudson’s Bay Company und die North West Company zwangsweise vereinigt, und der Pelzhandel lief über die Hudson Bay und immer weniger über Montreal. Damit verlor die Stadt ihre Bedeutung in diesem Bereich.

Die Stadt

Das Montrealer Parlament nach dem Brand, The Montreal Daily Star, Januar-Februar 1887

1804 bis 1817 wurden die Stadtmauern entsprechend einem Beschluss von 1801 abgerissen, da immer mehr Bewohner aus der ummauerten Stadt in die Faubourgs zogen. Dort lebten 1805 bereits zwei Drittel der Montréaler. Ab etwa 1815 nahm die Zahl der britischen Einwanderer in die Stadt drastisch zu. Die Stadt exportierte nun Weizen nach Großbritannien und importierte von dort Fertigwaren. Die Stadt selbst produzierte überwiegend für die schnell wachsende Agrarwirtschaft der Umgebung. Für den Export mussten Transportkapazitäten geschaffen werden, und so blühte der Schiffbau. Dazu wiederum mangelte es an geeigneten Verkehrswegen, und so entstand ab 1825 der Lachine Canal, der die Schifffahrt wesentlich erleichterte. 1836 entstand die erste kanadische Eisenbahn von La Prairie nach Saint-Jean. Mit der Bank of Montréal entstand zudem die erste kanadische Bank.

Die Bevölkerung wuchs zwischen 1800 und 1825 von 9000 auf 23.000 Einwohner. 1832 bekam Montreal die Stadtrechte. Mit Jacques Viger wurde im nächsten Jahr der erste Bürgermeister (Maire) gewählt. Nach den Rebellionen von 1837 wurde Peter McGill zum Bürgermeister ernannt, und blieb bis 1842 im Amt. Ihm folgte Joseph Bourret. Die Ratssitzungen fanden im steinernen Haus einer Dame de Beaujeu in der Rue Notre-Dame zwischen François-Xavier und Saint-Jean statt. Sein Wachstum wurde durch die Eröffnung des Lachine Canal begünstigt, der die unpassierbaren Gewässer der Lachine-Stromschnellen südlich der Insel schiffbar machte.

Montreal 1850-1896: The Industrial
City (McCord-Museum)

Montreal war in den Jahren 1843 bis 1849 Hauptstadt der britischen Kolonie Vereinigte Provinz Kanada, was eine weitere Welle von Einwanderungen vor allem englischsprachiger Immigranten mit sich brachte. Als 1849 eine neue Steuer, die zur Entschädigung der nicht verurteilten Aufständischen von 1837 erhoben werden sollte, eingeführt wurde, kam es in Montreal zu zweitägigen Straßenkämpfen, in deren Verlauf das Regierungsgebäude am 25. April 1849 in Flammen aufging (Montreal Riots). Einen Monat später beschloss die Regierung, die Hauptstadt zu verlegen.

1852 zählte Montreal bereits 58.000 Einwohner, ab 1855 wurde die Inselstadt durch eine Brücke mit dem Festland verbunden. Die Reste der Befestigung wurden niedergelegt, es entstanden der Champ de Mars und der New Market, der spätere Place Jacques-Cartier. Dabei verteilten sich die ethnischen Gruppen in verschiedenen Teilen der Stadt. So wohnten Engländer und Schotten im Westen, Iren im Südwesten, im Osten die Franzosen und Kanadier. Die Spannungen entluden sich während der Rebellionen von 1837, aus denen die britischen Tories als Sieger hervorgingen. Die Englisch sprechende Bevölkerung wurde zur Mehrheit, doch waren viele Iren katholisch. So entstand 1836 eine eigene Diözese Montréal, deren erster Bischof Jean-Jacques Lartigue (1777-1840) wurde. Ihm folgte Ignace Bourget im Amt, der in den Jahren von 1840 bis 1876 eine ultramontane Politik verfolgte. So wehrte er sich vehement gegen die Trennung von Kirche und Staat, zugleich war er der Organisator der katholischen Mission gegen die protestantische Konkurrenz. Dazu warb er Ordensangehörige aus Europa, wie Jesuiten und Sulpicianer, und mehrere Frauenorden gehen auf ihn zurück. 1852 wurde die Kathedrale Saint-Jacques durch einen Großbrand zerstört. Nach langwierigen Planungen begannen 1875 die Arbeiten an der heutigen Cathédrale Marie-Reine-du-Monde. Sie waren erst 1894 abgeschlossen.

Archidiocèse Montréal
Die Kathedrale Marie-Reine-du-Monde (Maria, Königin der Welt)

Der 1833 erbaute St. Anne’s Market wurde 1844 bis 1849 zum Parlament der gesamten Kolonie, doch ging das Gebäude während der Montreal Riots 1849 in Flammen auf. 1852 zerstörte ein viel größeres Feuer große Teile der Stadt. Ihm fielen rund 1.200 Häuser zum Opfer, 9.000 Einwohner verloren ihr Obdach. Zudem wurde die Stadt zwischen 1832 und 1854 von mehreren Choleraepidemien getroffen, 1847 von Typhus. Dabei kamen über 9.000 Montréaler ums Leben. Zwar konnte weitere Zuwanderung die enormen Verluste überkompensieren, doch kamen die Wohlfahrtsverbände, Stiftungen und Hospize gegen die zunehmende Verarmung nicht an.

Die Einwohnerzahl erhöhte sich dennoch rasch weiter, so dass die Stadt im Jahr 1860 die größte Stadt der britischen Kolonie Nordamerika war. In der Rue Saint-Paul ballten sich die Warenhäuser der Kaufleute, in der Rue Notre Dame entstand eine Ladenzeile, in der Rue Saint-Jacques konzentrierten sich die Geldinstitute. In den Jahren 1861 bis zur Weltwirtschaftskrise um 1930 erlebte die Stadt eine Blütezeit auf der Basis der nachkolonialen Erschließungspolitik. Die Eisenbahngesellschaften Canadian Pacific Railway und Canadian National Railway errichteten in dieser Zeit hier ihre Firmenzentralen ebenso wie die Royal Bank of Canada. Damit strömte britisches Kapital in die Stadt, und die Industrialisierung wurde durch Transportunternehmen beschleunigt.

Die Industrialisierung

Die Industrialisierung veränderte das Aussehen der Stadt. Bereits 1853 verband die Eisenbahn Montreal und New York und dreißig Jahre später war die Pazifikküste mit der Bahn nur noch eine Woche von Montreal entfernt. Die Stadt wurde zum zweitgrößten Umschlagplatz Nordamerikas. Zahlreiche Zuwanderer kamen aus Europa. 1871 hatte die Stadt 107.000 Einwohner, dreißig Jahre später bereits 267.000. Dahinter stand allerdings inzwischen weniger die Einwanderung, als die zunehmende Landflucht. Die industrielle Produktion und die Verteilung der Waren zog zahlreiche Arbeitskräfte französischer Zunge in die Stadt. So stellte um 1865 der frankophone Teil der Bevölkerung wieder die Mehrheit. Neue Vorstädte entstanden, wie Hochelaga im Osten, Saint-Jean-Baptiste im Norden und Saint-Henri im Südwesten. Es entstand ein erster Aquädukt und eine Kanalisation sowie eine rudimentäre Krankenversorgung. Zudem wurden Parks eingerichtet, wie der Mount Royal Park, der La Fontaine Park und Sainte-Hélène’s Island. Private Unternehmen managten die öffentlichen Tranportmittel, Gas- und Telefonleitungen sowie die Stromversorgung. 1861 entstand eine Pferdebahn, 1891 eine erste elektrische Bahn. Bereits 1836 begann die Gasversorgung, doch erst 1877 wurde die erste Telefonverbindung eingerichtet.

Montreal 1889
Honore Beaugrand
Honoré Beaugrand, Bürgermeister, 1887

Nach dem Ende des Eisenbahnbooms kamen ab etwa 1886 zahlreiche chinesische Bauarbeiter in die Stadt, die jedoch keine Anstellung fanden. Daher eröffneten viele von ihnen Wäschereien, von denen zwischen 1891 und 1911 790 entstanden. Allein 1911 bestanden 285 Wäschereien, die den Lebensunterhalt für rund 70 % der ortsansässigen Chinesen einbrachten. Doch begannen sie nun verstärkt in preisgünstige Restaurants zu investieren. 1901 hatte die Stadt nur etwa 40 von diesen Restaurants, als Hung Fung den ersten kantonesischen Speisesaal eröffnete. Seit 1902 besteht eine Chinatown bei La Gauchetière. - Um 1900 kamen zahlreiche Italiener in die Stadt, die meisten gingen in die Bauindustrie. Ab 1905 entstand am Nordrand der Stadt ein als Little Italy bezeichneter Stadtteil in La Madonna della difesa. Eine weitere Zuwanderergruppe waren Juden, von denen 1901 rund 7.000 in der Stadt lebten. Ihnen folgten zahlreiche weitere Flüchtlinge. In den 30er Jahren stieß die wachsende Gruppe auf Feindseligkeiten seitens der lokalen Antisemiten unter Führung von Adrien Arcand. Er gründete 1934 die Parti national social chrétien (Nationalsozialistische christliche Partei), wurde während des Krieges interniert, und war bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1967 als Faschist tätig. Seine Partei, die National Union Party wurde verboten.

Kanäle erlaubten den Verkehr von Hochseeschiffen bis Montreal, die Grand Trunk Railway verband Süd-Québec und Ontario, die Canadian Pacific Railway schuf eine Verbindung bis Vancouver. Produzierende Gewerbe, wie eine Lampenindustrie entstanden. Sie stellten nicht Ausgebildete ein, vor allem Frankophone. Die Schwerindustrie stellte hingegen eher gut ausgebildete anglophone Arbeiter ein. Um den Lachine-Kanal entstanden Eisenbahnbetriebe, Maschinenbauunternehmen, Textilgewerbe und eine Zuckerraffinerie. Im Osten entstand ein zweiter industrieller Schwerpunkt. Dort entstanden Schuhfabriken, die Molson-Brauerei, die Hudon-Textilfabrik und auch die Canadian Pacific war hier ansässig. Im Norden entstand später die Bekleidungsindustrie. Die soziale Frage stellte sich in der Stadt ähnlich dramatisch, wie in anderen Großstädten. Saisonale Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne, niedriger Organisationsgrad kennzeichneten das entstehende Industrieproletariat. Krankheiten grassierten, die Sterblichkeit, vor allem der Kinder war hoch. 1866 war die Mehrheit der Montréaler wieder französisch, doch kontrollierten anglophone Unternehmer die Stadt und ihre Industrie. Doch nahm der Anteil der Franzosen auch hierin zu. Sie fanden sich in der Chambre de commerce du district de Montréal zusammen. Diesem Aufstieg folgte in den 1880er Jahren die politische Machtübernahme, doch war sie durch Klientelismus und Patronage gekennzeichnet. Zugleich nahm der Einfluss der katholischen Kirche stark zu.

Ab 1896 setzte ein gewaltiger Wirtschaftsboom ein. 1911 hatte die Stadt bereits 528.000 Einwohner und war die größte des Landes. Das Stadtgebiet wuchs zwischen 1876 und 1918 auf das Fünffache an. Dabei profitierte die Stadt vor allem von britischem Kapital, das für den Aufbau der Infrastruktur sorgte, aber auch vom Aufstieg der USA zur größten Wirtschaftsmacht der Welt. 1911 war rund ein Viertel der Montréaler britischer Herkunft, die meisten sprachen Französisch. Hinzu kamen jüdische, italienische, chinesische Gemeinden. 1906 eröffnete das erste Kino, das Ouimetoscope; daneben entstanden zahlreiche Theater. 1909 stellte eine Kommission fest, dass die Korruption viel verbreiteter war, als angenommen, was den Reformisten erheblich mehr Wähler einbrachte. 1910 bestimmte ein Referendum, dass bestimmte Aufgaben des Stadtrats an einen Board of Commissioners delegiert werden sollten, der von der Gesamtbevölkerung gewählt wurde. Die Reformisten regierten die Stadt bis 1914 und führten zahlreiche Veränderungen durch. 1913 wurde eine Rezession spürbar, doch erholte sich die Wirtschaft ab 1915. Der Erste Weltkrieg kurbelte die Wirtschaft an, brachte jedoch Anglophone, die den Kriegsbeitritt befürworteten, und Frankophone, die dies ablehnten, gegeneinander auf. Letztere trugen Médéric Martin eine überwältigende Mehrheit bei der Bürgermeisterwahl ein.

Nach dem Krieg erlebte Montréal eine schwere Wirtschaftskrise, die von 1920 bis 1922 andauerte. Von 1918 bis 1921 unterstand die Stadt der Aufsicht der Bundesregierung. Von 1921 bis 1931 wuchs die Bevölkerung dennoch weiter von 619.000 auf 819.000. Eine U-Bahn entstand, um des Verkehrs Herr zu werden. Ab 1921 wurde die Stadt von einem Exekutivkomitee geleitet, das aus den Reihen der Stadträte bestellt wurde. Die Weltwirtschaftskrise konnte Montreal fünfzehn Jahre lang bremsen, erst während des Zweiten Weltkriegs wuchs die Stadt weiter. Camillien Houde weigerte sich während der Krise, die Arbeitslosengelder zu kürzen, sondern führte stattdessen 1935 eine erste Verkaufssteuer ein, eine Mehrwertsteuer. Dennoch musste die Stadt 1940 bis 1944 wieder eine Bundesaufsicht hinnehmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Montréaler Wirtschaft wieder rapide. Die Bevölkerungszahl überstieg 1951 die Millionengrenze, im Großraum lebten 1961 mehr als 2 Millionen Menschen. Die Zahl der Hochhäuser nahm zu, gewaltige Einkaufszentren wurden errichtet, die Vorstädte wuchsen schnell. Einer der Höhepunkte war die Expo 67, die gleichzeitig die Hauptfeierlichkeit im Rahmen der Hundertjahrfeier Canadian Centennial darstellte. Zu dieser Großveranstaltung kamen über 50 Millionen Besucher. Das starke Wachstum löste allerdings auch eine Abrisswelle im historischen Zentrum aus, dem zahlreiche Gebäude, vor allem der Unterschicht, zum Opfer fielen. 1954 wurde das einzige Projekt zum sozialen Wohnungsbau in die Wege geleitet, das 800 Wohneinheiten vorsah, die Habitations Jeanne-Mance zwischen Rue Saint-Dominique und Sanguinet. Gleichzeitig geriet die Katholische Kirche in die Defensive. Die Bevölkerung drängte zudem zunehmend auf ein Ende des Patronage-Systems, bei dem etwa ein Drittel der Stadträte auf diesem Wege bestimmt wurde. Ein Referendum stärkte 1960 die Bürgerpartei, ihr Führer Jean Drapeau wurde zum Bürgermeister gewählt. 1976 konnte der Bloc québecois die Macht übernehmen, nachdem ein jahrelanger Streit die Stadt gespalten hatte. Dabei hatten sich Sprachenstreit und soziale Spannungen vermengt und zur Stillen Revolution geführt. Die dominierende politische Figur war Jean Drapeau, Mayor von 1960 bis 1986. Er stürzte schließlich über die enorme Verschuldung durch die Olympischen Spiele von 1976. Ihm folgte Jean Doré im Amt.

In den 70er Jahren verlor Montreal die wirtschaftliche Führungsposition an Toronto, da sich der Schwerpunkt des Kapitals und der Wirtschaftsverbindungen vom transatlantischen Handel zum bilateralen Handel mit den USA verlagerte. Zudem verunsicherte die Unabhängigkeitsbewegung mit ihren separatistischen Forderungen zahlreiche Unternehmen, die es vorzogen, in Ontario zu investieren. Darüber hinaus trafen zwei Wirtschaftskrisen von 1981-82 und von 1990-92 die Stadt. Dabei litt die Stadt schon lange unter konkurrierenden Seewegen und dem Niedergang der Eisenbahn. Ende der 90er Jahre setzte sich der Großraum aus rund 130 municipalities zusammen, die Bevölkerung wuchs weiter. Hingegen stagnierte die Einwohnerzahl der Stadt selbst. Alt Montreal wurde wieder zum Kern der Stadt und konnte den überwiegenden Teil seiner Strukturen retten.

Verkehr

Von Montreal aus verkehren von VIA Rail Canada betriebene regelmäßige InterCity-Züge in Richtung Toronto, Ottawa und Québec sowie weitere Fernverkehrszüge in Richtung Halifax, Gaspé, Senneterre und Jonquière. Amtrak betreibt den täglichen Fernverkehrszug Adirondack von Montreal nach New York.

Des Weiteren gibt es ein Netz aus von der Agence métropolitaine de transport betriebenen Vorortzügen sowie den von der Société de transport de Montréal betriebenen Bussen und der U-Bahn Métro Montréal.

Im Sommer verkehren Schnellfähren zwischen Montreal und Québec. Der Pierre-Elliott-Trudeau-Flughafen der Stadt ist der größte der Provinz Québec und der drittgrößte Kanadas. Montreal ist Sitz der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO).

Kultur

Musée des beaux-arts

Bedeutende Veranstaltungen

Sehenswürdigkeiten

Blick auf Downtown Montreal vom Mont Royal aus.

Universitäten

Literatur

Externe Links

Anmerkungen

  1. 1 ↑ Le sommet du mont Royal, Website der Freunde des Mont Royal.
  2. 2 ↑ Sites archéologiques à Montréal, Website der Kommune.
  3. 3 ↑ Die Suchmaske findet sich hier.
  4. 4 ↑ Site historique et archéologique LeBer-LeMoyne. Bilan des fouilles archéologiques 2009
  5. 5 ↑ Une présence amérindienne depuis 4000 ans, Website der Stadt Montréal
  6. 6 ↑ Secteur de l'hôtel de ville

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